Sonntag - Mega-Tag


Schon früh morgens muss man sich auf den Weg zur Godelstation machen, um rechtzeitig zum Start auf dem Gifpel des Pic Blanc zu sein. Dieses Jahr ist das Prozedere etwas anders als im Vorjahr. Wo man sonst in zwei Startblöcken losraste (erst der besten 350, dann der ganze Rest und die Frauen hinterher) so sind es diesmal drei Wellen – die besten 350 Biker aus den jeweiligen 7 Wellen der Qualirennen, dann noch mal die Verfolgergruppe aus den Qualirennen, was noch mal ein Feld von 350 Teilnehmer ergibt , dann die Frauen und dann der Rest vom Schützenfest. Warum und wieso das so gehandhabt wird, ist mir unklar. Vielleicht wollte man das Chaos auf dem Schnee etwas eindämmen, vielleicht wollte man auch erst mal die Profis ihr Rennen fahren lassen, ohne das die Amateure ihnen in die Suppe spucken. Auf jeden Fall herrschte an der 2. Mittelstation erst mal, von wo es mit einer großen Seilbahn hinauf zum Gipfel geht, ziemliche Wartezeiten. Die Schlange der wartenden Biker gleicht einer Boa Constrictor aus Mensch und Rad. Immerhin wärmt die Sonne die Gemüter der Wartenden!
Endlich kommt das Hauptfeld auf dem Gipfel an und man nimmt mit einiger Verspätung seine Position in der Startaufstellung ein. Die Profis und die Frauen sind schon auf den Weg geschickt und die Organisation macht sich schon daran, die P.A. und Fahnen abzubauen, als George Edwards noch einmal für alle das Startprozedere erklärt.¶ Auf einmal fragt ein französicher Fahrer „Hey George, was ist mit der Musik?“ Edwards erklärt ihm, dass das Sound-System schon abgebaut wäre und man nun ohne Musik starten müsste. Darauf hin meint der Biker „Hey George, keine Musik, kein Start!“. Dem schließen sich spontan weitere französische Biker an und fordern nun von George Edwards, er solle die Musik doch einfach singen! Und dann steht er da, eine Ikone des Mountainbikesports und singt in sein Mirkofon: „di dididi di dididi di Alarma, Alarma!“ Und dann geht das Startband hoch. Wer bis jetzt noch nicht im Schnee gelegen hat – vor Lachen über das gerade geschehene, der wird es gleich tun....

Auf den ersten steilen Abfahrtsmetern kullern die Fahrer mit ihren Rädern durch den Schnee oder rutschen auf ihren Rückenprotektoren und das Bike vor der Brust haltend talwärts. Manche kegeln bei dem Versuch, möglichst schnell den Berg hinunter zu kommen, andere Biker vom Rad, und so tummelt sich mehr oder minder belustigt diese Lawine aus Alu, Plastik und Fleisch hinab ins Tal.
Ich suche mir einen korpulenten Mitstreiter, der dank seines Gewichtes eine tiefe Fahrrinne in den Schnee zieht und nehme mehr oder minder sicher die Verfolgung auf. Gut, das der Gute schnell fährt und Meter macht – immer schön der Schwerkraft folgend. Leider ist für ihn dann am Einstieg auf den Gletscher erst mal Pause, denn er schlägt krachend aufs Eis!
Kein Problem für mich, denn mir liegt die Fahrt über den Gletscher! Bremse auf und drüber! Es macht wirklich unglaublich Laune.

Doch dann kommt der hochalpine Singletrail mit all seinen Tücken und fordert seinen Tribut. An einen Felsdrop versucht ein Engländer die Fall-Linie zu nehmen, bleibt mit dem Vorderrad hängen und schlägt kopfüber anderthalb Meter tiefer mit dem Brustkorb auf einem Fels auf. Der Mann schreit vor Schmerzen und windet sich. Instinktiv mache ich halt, um ihm zu helfen und das Bike aus der Schusslinie zu nehmen. Kurze Zeit später steht er benommen auf und versucht seine Fahrt fort zu setzen, bricht diesen Versuch jedoch sofort wieder ab –der Schmerz ist zu stark. Zum Glück kamen schon Streckenposten, die sich ihm annehmen. Ich kann meine Fahrt also fortsetzen. Dieser Trail fordert auf den weiteren Kilometern alles an Fahrtechnik, Mut und Kondition. Immer wieder steigen Fahrer vom Rad, um Schlüsselstellen zu umgehen. Das nimmt auch den folgenden Fahrern den Rhythmus und sie müssen ebenfalls vom Rad. Mit der Zeit macht sich so Unmut breit, denn Überholen ist auf diesem Streckenabschnitt so gut wie unmöglich und nur mit einer gehörigen Portion Good-Will der anderen Fahrer machbar.
Endlich, der Trail wird wieder für alle fahrbarer und der Pulk zieht sich wieder weiter auseinander. Nun kann man wieder mehr Fahrt aufnehmen. Doch da kommt schon der erste lange Anstieg. Für die Big Biker und für die konditionell Schwächeren heißt es nun – absteigen, schieben. Fahrer mit leichten Enduros nehmen den Anstieg sportlich! Oben angekommen geht es wieder über breite Wiesenpisten hinab zum – nächsten Anstieg.... Mittlerweile schmerzen Lunge, Arme und Beine. Warum fragt man sich- tut man sich so einen Scheiß an? Die Antwort bekommt man kurze Zeit später, als die Strecke über einen wunderschönen Singletrail Richtung Alpe D’Huez führt. Im Ort jubeln einem immer noch geduldig die Zuschauer zu und die Anfeuerungen kann man gut gebrauchen, denn schließlich geht es nun in einer Flachpassage von Alpe Richtung Villard Reculas. Am Ende dieses flachen Weges wartet schon die nächste Prüfung: ein sehr steiler Weg, der über die Baumgrenze auf einen weiteren Zugweg führt, zwingt die Biker wieder abzusteigen und ihre Räder hinauf zu schieben. Dabei ruft einem der Streckenposten die ungefähre Position zu. Für manche eine Aufmunterung.
Oben angekommen schlängelt sich der Weg eng an der Hangkante entlang. Nur Handtuchbreit geht es vorbei an 300 Meter tiefen Abhängen. Fahrfehler sollte man hier nicht machen... Dann ist wieder Trailsurfen angesagt. Auf den folgenden Kilometern hinunter nach Villard Reculas kann man dem Rad noch mal so richtig die Sporen geben. Natürlichem Anlieger folgt Anlieger und man erlebt Freeriding at ist best ! Dann geht es in den Wald hinunter nach Allemond und nun kommen schmale Pfade durch den Wald, immer wieder mit kurzen steilen Rampen gespickt, auf denen man immer wieder absteigen und das Rad schieben muss. Mittlerweile ist die Kondition vollends im roten Bereich und man wünscht sich nichts sehnlicher, als das Ende des Rennens. Doch dann wird es zu guter Letzt noch einmal spaßig. Auf dem letzen Waldstück vor Allemond bekommt die Strecke noch einmal Playstation-Flair. Es geht nur noch talwärts über staubige Wurzelserpentinen, enge Anlieger, kleine Drops und auch hier kann man noch einmal so richtig Gas geben und die wirklich allerletzten Kräfte mobilisieren. Die letzten hundert Meter führen über die Dorfstrasse von Allemond und sowohl Publikum wie auch die Biker bejubeln sich gegenseitig. Dafür hat man sich diesen ganzen Qualen ausgesetzt! Erleichtert, erlöst und vollkommen erschöpft lässt man sich im Zielraum fallen und braucht den einen oder anderen Augenblick um sich zu sammeln. Dann geht es auch schon wieder direkt zu Massagebank, um dem Körper etwas Gutes zu tun Nach 40-minütigen Durchwalken der müden Knochen geht es einem schon wieder besser. Jetzt heißt es nur noch schnell nach der Platzierung schauen und dann mit dem Bus Shuttle hinauf zur Station von Oz en Oisans. Von dort mit der Gondel weiter zur ersten Mittelstation und dann nur noch mit dem Bike hinunter nach Alpe D’Huez. Dort warten dann eine heiße Dusche und ein warmes Bett auf die kaputten Biker.....