Mega Promo (Thorsten)


Der so lange ersehnte Morgen kam dann schneller als uns allen lieb war. Zum müde sein bleib uns allerdings nicht viel Zeit.
Es war Sonntag, der 29. Juli - der Tag, an dem meine kleine Tochter 2 Jahre alt wurde.
Ich musste immerzu an sie denken und stellte mir vor, wie es zu diesem Zeitpunkt wohl Zuhause sein würde. Sehnsucht machte sich breit - doch nun galt es die Megavalanche zu meistern.
Obwohl wir recht früh aufgestanden waren, um den Tag locker angehen zu können, fühlte ich mich getrieben und unruhig. So bereitete jeder von uns - in Gedanken versunken - auf das bevorstehende Rennen vor.

Auf dem Weg zur Gondelstation sahen wir von überall Biker herbeiströmen – einige lachten ausgelassen oder quatschen aufgeregt, andere schienen in sich gekehrt und man sah ihnen die Konzentration und Anspannung an. Alle hatten denselben Weg und die Gondel hinauf zur Mittelstation war bereits gut gefüllt. Dort angekommen wurden wir unseren Startreihen zugewiesen und damit getrennt. Es dauerte eine kleine Ewigkeit bis weiter nach oben ging. Immer wieder wurden ankommende Fahrer direkt nach vorne geschleust, damit sie ihre Startaufstellung nicht verpassen. Neben mir fand ich einen gutgelaunten Schotten und einen noch besser gelaunten Spanier, der allerdings noch verschiedene technische Probleme zu meistern hatte. Er war glücklich und erleichtert, als ich ihm das passende Werkzeug unter die Nase hielt, so dass er seine Bremshebel fein justieren und den Umwerfer einstellen konnte.

Oben auf dem Gipfel hatte die Megavalanche bereits Aufstellung bezogen und war kurz vor dem Start. Schon stiegen die Helikopter aus dem Tal auf und der Alarma Sound plärrte in den strahlblauen Himmel. Mein Gott dachte ich … ist das eine krasse Veranstaltung! Die Megavalanche stürzte sich mit atemberaubender Geschwindigkeit ins Tal. Lange konnten wir allerdings nicht zuschauen, denn schon wurden die Mega-Ladies und kurz darauf auch ich aufgerufen.
Verena stand nun ganz vorne im Ladies-Block, ich ungefähr im Mittelfeld der Promo … von Stefan war zunächst leider nichts zu sehen. Dicht an dicht standen die Reihen und immer wieder mussten Ordner durch die Reihen gehen, um die nach vorne drängenden Fahrer auf ihre Startlinien zurück zu weisen.
Die Verzögerung durch das Hauptfeld nutzen viele für eine schnelle Pinkelpause – entweder im Häuschen, einige einfach in den Schnee vor sich oder den Hang hinunter. Langsam stieg die Sonne höher und es wurde Zeit die dicke Kleidung im Rucksack zu verstauen.

Nach den Ladies dauerte es wieder eine ganze Weile bevor es auch für uns losging. Als endlich der Sound erklang, die Hubschrauber über uns kreisten und die Startbänder nach oben schnellten brach ein wahrer Sturm los: rund 600 Biker setzen sich in Bewegung und kippten 20 Meter vorne ins Tal … und 10 m danach in den Schnee ;)) Mehr schlecht als recht schleppten wir uns durch den mittlerweile ziemlich sulzigen, weichen Schnee. An der großen Rampe – hinunter zum Gletscher – war es Zeit die Strategie zu wechseln: auf dem Po sitzend, das Bike als Ruder im Arm, konnte man richtig Meter machen! Das stimmte zuversichtlich … wurde aber auf dem folgenden Höhenweg wieder zunichte gemacht: hier lag viel Schnee und nur am Wegerand gab es einen schmalen, sehr steinigen Streifen, auf dem ALLE vorankommen wollen – somit war vorerst schieben und teilweise sogar tragen angesagt.

Als wir die Gerölltrails erreichten, war es eine Wohltat endlich wieder im Sattel zu sitzen und fahren zu können. Nun galt es gefühlt verlorene Plätze wieder wett zu machen.
Doch die vielen Schlüsselstellen, der enorme Andrang, der sich jetzt erst zu verteilen begann und der ausgesetzte Pfad machten auch dies schwierig. Hier und da sah man die ersten Biker, die mit einem Defekt liegen geblieben waren und verzweifelt versuchten ihre platten Reifen zu flicken oder demolierte Schaltwerke zu richten.

Nun erreichten wir die Hochweiden – das Tempo hatte zugenommen und wir fuhren am Limit. Am Maison des Americains gab es eine Versorgungsstation mit Wasser und Essbarem … wer kann jetzt nur essen!? dachte ich … nahm ein Wasser und beschloss auf dem Steilstück hinter dem Haus beim Schieben etwas Kraft zu sammeln. Die Singletrail-Hatz vorher hatte viel Kraft gekostet – doch bis Alpe d` Huez mussten noch einige Anstiege genommen werden.

Die Fahrt durch die Zuschauermenge im Ort war wohltuend … wieder neu motiviert folgte ich einem älteren, aber sehr fitten Fahrer über den Höhenweg in Richtung Villard Reculas. Bis zum Wald bleib ich hinter ihm und folgte ihm wie ein Schatten. Doch vor dem Wald, das wurde mir klar, werde ich ihn überholen müssen … nachher gibt es zu wenige Möglichkeiten. Ich hatte mich mittlerweile wieder genug ausgeruht, um beim kleinen Anstieg zum Wald anzugreifen, und setzte mich schnell ab. Der Wald war wie ein Rausch aus Geschwindigkeit und Anstrengung – die Beine und die Lungen brannten, die kurzen, aber schnell aufeinander folgenden Gegenanstiege machten mir zu schaffen. In folgenden Serpentinen merkte ich deutlich meine Kräfte schwinden – doch ich wurde auch nicht mehr von vielen anderen Fahrern attackiert. Offenbar ging es nicht nur mir so ;)

Am Ende der Serpentinen lauerte ein Schlammloch, welches ich bereits auf unseren Erkundungsfahrten kennengelernt hatte … nun – im Rennen – war es noch glitschiger und schwieriger zu meistern … und ich patzte! Verbremst, vom nassen Pedal abgerutscht und ich fiel der Länge nach hinein … Schlamm … nein – IGITT! – Jauche – überall. Ich musste würgen …
Verdammte Scheiße … Zorn stieg in mir auf und ich fluchte laut. Zum Glück hatte ich die Schutzkappe auf meinem Trinkschlauch … so konnte ich wenigstens noch trinken und den schalen Geschmack auf der Zunge runter spülen.

Während ich mir notdürftig den Mist von den Kleidern und dem Rad rieb wurde ich von einigen Fahrern überholt … OK – weiter, weiter … befahl ich mir: bald hast du es geschafft!
Dann kam die "Playstation"-strecke – hierauf hatte ich gewartet … das Ziel schon in greifbarer Nähe, noch einmal die Supertrails der Mega mit VMAX genießen … und dann die Zielgerade, Schlussspurt, noch einen von hinten überholen, aus, vorbei - geschafft.

Wie benommen taumle ich durch die Menge … Irgendwo muss doch Verena sein.
Dann ganz hinten finde ich sie, wir fallen uns in die Arme, beglück wünschen uns und ich sehe zu das ich aus den stinkenden Klamotten rauskomme. Ich fühle mich einsam und glücklich zugleich.
Die Anspannung der letzten Tage und die Sehnsucht danach, meine kleine Tochter in den Arm zu nehmen, verzerrt mich. Ich kämpfe mit Tränen…
Wie gerne wäre ich bei meiner Familie, wie gerne würde ich diesen Moment mit ihnen teilen!
Verena versteht und sie tröstet mit wenigen Worten und holt mich zurück.
Dann kommt auch schon Stefan durch die Menge auf uns zu - wir haben es geschafft!
Nachdem wir uns ausgetauscht, etwas erholt und gestärkt haben, suchen wir unseren Weg zu den Bussen, die uns wieder hinauf nach Oiz en Oisans bringen.
Die Schlange ist jedoch ewig lang und so nutze ich die Gelegenheit zumindest mein Bike vom stinkenden Schlamm zu befreien… Dann endlich waren wir an der Reihe in die Busse einzusteigen…